- Заглавие:
Nachruf auf M. Rainer Lepsius während der Trauerfeier am 13. Oktober 2014
- Автор:
Schluchter W.
- Аннотация:
Lieber Oliver und liebe Susanne Lepsius, liebe Verwandte von Rainer Lepsius, liebe ehemalige Schüler, Freunde und Weggefährten von Rainer Lepsius, meine sehr verehrten Damen und Herren, meine Beziehung zu Rainer Lepsius war dreifach. In den Jahren 1959 bis 1961, als er selbst noch am Beginn seiner akademischen Karriere stand, war ich sein Student, nahm an dem berühmt gewordenen Proseminar in München teil, aus dem so viele Soziologen hervorgegangen sind; 1968 bis 1972 war ich, bereits promoviert, sein Assistent, in einer Zeit, in der er die professionellen Standards der Universität und die Integrität der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gegen Deformation verteidigte; seit 1981, nach seiner Berufung nach Heidelberg, war ich sein Kollege, mit ihm in gemeinsamen Projekten verbunden: so nach der Wiedervereinigung beim Aufbau der Soziologie in Ostdeutschland, er in Halle, dem Ursprung seiner Familie, ich in Leipzig; so seit nunmehr über 40 Jahren in der Arbeit an der Max-Weber-Gesamtausgabe, deren Abschluss er nun nicht mehr erleben wird. Freilich, so viel ist sicher: Sein Name wird für immer mit diesem außergewöhnlichen Unternehmen verbunden sein. Er war ein Großer unseres Faches. Sein antimoralistischer Institutionalismus war von einer tiefen Humanität geprägt. Vorschnelle Moralisierung von Fragen des kollektiven Lebens war ihm zuwider. Alle Ideologisierungen hasste er. Die Erfahrung des Nationalsozialismus, den er, als Angehöriger der „Flakhelfergeneration“, noch bewusst erlebte, hielt ihn davon ab, zu sehr auf das Gewissen des Einzelnen zu setzen. Nur wo klug konstruierte Institutionen die Richtung weisen und dem Individuum Halt geben, kann man dem Verhalten des Einzelnen einigermaßen vertrauen. Ihn quälten die Verwerfungen der deutschen Geschichte seit 1871, aber auch die Schwierigkeiten, die den europäischen Einigungsprozess belasten: die institutionellen Fehlkonstruktionen des Kaiserreichs und das vorindustriell geprägte Parteiensystem, das Bevölkerungsgruppen in sozialmoralische Milieus einschloss und die positive Integration in die politische Ordnung erschwerte; der Untergang der Weimarer Republik und die Machtergreifung Hitlers durch das Versagen der bürgerlichen Klassen; die Spaltung des Landes – zwei Staaten, eine „Kulturnation“ – und die Wiedervereinigung bei Überwältigung des Ostens durch den Westen; der Übergang von der geschlossenen zur offenen Staatlichkeit durch die Einigung Europas und die Gefahren eines europäischen föderativen Bundesstaats nach nationalstaatlichem Muster. All dies und vieles mehr wollte er nicht moralisch bewerten, sondern soziologisch analysieren, mithilfe einer Institutionentheorie, die Institutionen als Mittler zwischen Interessen und Ideen versteht. Interessen müssen kanalisiert, Ideen konkretisiert werden. Dies zu bewerkstelligen, dafür sind Institutionen da. In dieser Überzeugung bestand der Kern seiner Soziologie, und damit stand er jenseits aller Schulen. Einzig Max Weber ließ er als einen Bezugspunkt gelten. Freilich, selbst ihn hielt er in ironischer Distanz, wie ihm überhaupt Ironie ein Erkenntnis- und vor allem Ausdrucksmittel war. Lieber Rainer, wir können nun nicht mehr miteinander reden, was wir so oft taten. Kurz vor Deinem ersten Schlaganfall, der Dir die Stimme nahm, reisten wir an die Akademie nach Rom, um Max Webers 150. Geburtstag wissenschaftlich zu begehen. Es war Deine letzte größere irdische Reise. An Deinem 86. Geburtstag – es war wie immer der geschichtsträchtige 8. Mai – führtest Du uns, Brigitte und mich, zunächst an das Haus, in dem Max Weber während seiner schweren Krankheit einige Zeit gelebt hatte. Es schien Dir wichtiger als der Vatikan. Dann wähltest Du mit Bedacht das Pantheon. Wir saßen zunächst lange schweigend davor, gingen dann gemeinsam hinein. Du zeigtest Dich von der Harmonie des Baues, den Du schon oft gesehen hattest, abermals überwältigt. Doch dann zogst Du uns in die Mitte, unter die Kuppel, die zum Himmel hin offen ist. Ich werde Deinen Kommentar nicht vergessen: Dies ist der eindrucksvollste Sakralbau des Abendlandes, so sagtest Du, ja vielleicht sogar der ganzen Welt. Warum? Er lässt die Frage, was jenseits dieser Kuppel liegt, offen. Die Spitze ist nicht besetzt. Wer weiß, ob sie überhaupt je besetzt war und wenn, wer sie besetzt hält. Diese Frage beantwortet dieser Bau gerade nicht. Darin ist er einmalig. Inzwischen kennst Du die Antwort, und dies ist ein Wissen, das Du uns allen voraus hast. Dies finde ich tröstlich in einer Stunde, in der wir alle beklagen, dass Du nicht mehr unter uns weilst.
- Язык текста:
Немецкий
- Сведения об источнике:
Berliner Journal für Soziologie. – 2015. – Bd. 24. – S. 583–584.
Библиографический источник
Nachruf auf M. Rainer Lepsius während der Trauerfeier am 13. Oktober 2014
Wolfgang Schluchter